Marc Turner im Interview über „Schattenreiter“ und die beiden Fortsetzungen

Marc Turner feierte mit „Schattenreiter“ diesen Sommer sein Debüt auf dem deutschen Markt. Im Interview verrät der im englischen Durham lebende Fantasy-Autor aber nicht nur mehr über seinen ersten Roman, sondern geht auch auf die Fortsetzungen in „The Chronicles of the Exile“ ein. Im Original ist gerade Band 3, „Red Tide“, erschienen.

Der britische Fantasy-Autor Marc Turner. Foto: Alan Clarke

Der britische Fantasy-Autor Marc Turner.             Foto: Alan Clarke

Marc Turner, Ihr Debüt “Schattenreiter” spielt in einer Welt, in der ein Kaiserreich, das den Großteil des Landes des Exils beherrscht, von verschiedenen Feinden bedrängt wird. Wie reagiert der Kaiser auf diese Bedrohungen?

Marc Turner: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, ohne Teile der Handlung zu verraten. Was ich aber sagen kann, ist, dass das Reich Erin Elal durch einen militaristischen Staat im Norden bedrängt wird, Piraten im Osten und Westen es bedrohen, ebenso wie aufständische Stämme im Inneren des Reiches. Der Kaiser reagiert darauf, indem er den Widerstand im Reich brechen will und die Hilfe von Nachbarstaaten sucht. Und er ist niemand, der eine Ablehnung akzeptiert. Das muss auch der Bewahrer Luker erkennen.

Luker und seine Begleiter sollen das Buch der Verlorenen Seelen, mit dem sich Tote wiederbeleben lassen, für den Kaiser beschaffen. Doch sie sind nicht die einzigen, die hinter dem Buch her sind. Wer mischt noch mit?

Turner: Es wäre fast einfacher, aufzulisten, wer nicht alles auf der Suche nach dem Buch ist. Da die Magie des Buches selbst aus großer Entfernung noch zu spüren ist, treffen in der Umgebung des Buches eine ganze Reihe finsterer Kreaturen aufeinander, die alle versuchen, die Macht des Buches für sich zu nutzen. In „Schattenreiter“ folgen die Leser vier Menschen, die nach dem Buch suchen. Jeder von ihnen verfolgt dabei eigene Motive. Im Blog von Barnes & Noble wurde dies als „vier epische Quests in einem Buch“ beschrieben. Die vier sind der bereits erwähnte Luker, der auch mit der Kraft seiner Gedanken kämpft, die Spinnen-Priesterin Romany, Prinz Ebon, der von Stimmen in seinem Kopf geplagt wird sowie Parolla, die sich auf einem Rachefeldzug gegen Shroud befindet und deren Lebensgeschichte erst schrittweise enthüllt wird.

Shroud, der Gott des Todes, spielt eine wichtige Rolle im Buch, doch im Zentrum eines Netzes aus Intrigen sitzt die Spinne. Was ist ihre Rolle in der Götterwelt?

Turner: Die Idee, die Spinne mit Loki zu vergleichen, ist verführerisch – die Trickreiche, die mal ihre Späße treibt, mal boshaft ist, mal gütig, mal skrupellos. Doch in Wahrheit haben alle Unsterblichen in meinen Büchern diese verschiedenen Seiten. Es gibt in meinem Pantheon auch nicht so klare Strukturen, wie in der griechischen oder nordischen Götterwelt. Einige der Gottheiten sind gütiger als andere, doch am Ende geht es ihnen nur um sich selbst und Sterbliche sind für sie lediglich Figuren in ihren Machtspielen.

Die Spinne und andere Protagoinisten warden in Buch 2 und 3 der „Chronicles of the Exile” erneut auftauchen. Wird es von ihnen auch eine deutsche Fassung geben?

Turner: Ja, Heyne hat die Rechte für alle drei Bücher erworben.

Was können Sie uns zum weiteren Verlauf der Handlung verraten?

Turner: Um nicht die Überraschung zu verderben, nur so viel: In Buch 2 spielen unter anderem Chamäleon-Priester eine Rolle und ist die Jagd von Seedrachen ein Sport. Die Handlung ist dabei in einer Stadt angesiedelt, die langsam im Meer versinkt. In Buch 3 geht es um eine ganze Piraten-Nation sowie einen Mann, der in der Lage ist, seine Träume in einer erwachenden Welt zu verwirklichen. Und auch ein Drachen-Friedhof spielt eine wichtige Rolle.

Steven Erikson ist eines ihrer Vorbilder. Wie hat sein Werk Ihre Bücher beeinflusst?

Turner: An Steven Erikson bewundere ich seine Figurenzeichnung, seine Fähigkeit, Welten zu entwerfen sowie die Größe und Komplexität seiner Handlungen. Es ist grandios, wie es ihm gelingt, verschiedene Handlungsstränge am Ende zu einem großen Finale zusammen zu führen. Er hat mein erstes Buch sicher stark beeinflusst, doch würde ich sagen, dass der Einfluss in den Folgebänden deutlich geringer zu merken ist. Generell möchte ich aber seine Bücher nicht mit meinen vergleichen. Das würde nur, meist überzogene, Erwartungen bei den Lesern wecken.

Werden Sie nach Abschluss der Chroniken im Land des Exils bleiben oder eine neue Fantasy-Welt erschaffen?

Turner: Das wird davon abhängen, welche Ideen ich für die nächste Reihe haben werde. Doch selbst wenn ich im Land des Exils bleibe, werde ich die Handlung in einem anderen Teil der Welt ansiedeln. Wenn jemand zu einem meiner Bücher greift, möchte ich, dass er sich darauf freut, neue Orte kennenzulernen. Deswegen spielen bereits die „Chronicles of the Exile“ an völlig unterschiedlichen Orten.

Ken Liu: Die Schwerter von Dara – Seidenkrieger

Ken Liu: Die Schwerter von Dara - Seidenkrieger

Ken Liu: Die Schwerter von Dara – Seidenkrieger

Die Inseln von Dara wurden lange von verschiedenen Königshäusern beherrscht. In verschiedenen Kriegen erobert Xana die Nachbarreiche und gründet ein Kaiserreich. Doch davon berichtet Ken Liu in „Die Schwerter von Dara – Seidenkrieger“ nur am Rande. Im Fantasy-Buch geht es um die Folgejahre, in denen sich der Kaiser zum Tyrannen entwickelt und die Herrschaft seines Geschlechts von einer Revolution beendet wird. Doch auch deren befreundete Anführer, Mata und Kuni, können nicht Frieden halten, sondern kämpfen schließlich gegeneinander um die Vorherrschaft über Dara.

Die Schwerter von Dara – Chinesische Seidenkrieger

Ken Liu lebt in den Vereinigten Staaten, wurde aber in China geboren. Für „Die Schwerter von Dara – Seidenkrieger“ griff er auf Vorbilder aus der chinesischen Geschichte zurück, nämlich die Gründung des chinesischen Kaiserreichs durch die Qin-Dynastie und den Wechsel zur Han-Dynastie. Man muss die geschichtlichen Hintergründe jedoch nicht kennen, um der Geschichte zu folgen und ebenso wenig alle Anspielungen wie etwa die auf Konfuzius als solche erkennen. Bei aller Historie handelt es sich eben nicht um einen historischen Roman.

So enthält „Die Schwerter von Dara – Die Seidenkrieger“ auch phantastische Elemente. Für diese sind vor allem die Götter zuständig, sind sie doch Schutzheilige eines der Reiche, die es vor dem Kaiserreich gab. Sie bekämpfen sich nicht direkt, um die Welt nicht in den Abgrund zu reißen, sondern indirekt, indem sie Einfluss auf die Menschen nehmen. Dieser geht stellenweise zu weit, aber an anderer Stelle widersetzen sich die Menschen den Göttern dafür. Eine größere Rolle spielen auch Kräuter und technologische Erfindungen. Wie Ken Liu im oben verlinkten Interview sagt, wollte er eine fernöstliche Variante zum Steampunk schaffen, die er „Silkpunk“ nennt (vielleicht kommen daher auch die Seidenkrieger im deutschen Titel).

Ken Liu entwirft überzeugende Figuren

Manchmal hat das Buch aufgrund der Mythen und Legenden, auf die es zurückgreift, etwas Parabelhaftes. Die Handlung ist nicht sonderlich originell, und der Verlauf der Geschichte in vielen Teilen absehbar. Das wird aber dadurch ausgeglichen, dass sich Ken Liu die Zeit nimmt, einige seiner vielen Figuren (Es lebe die Liste der Hauptpersonen!) genauer vorzustellen und ihre Lebensgeschichte zu schildern. Damit werden nicht nur die Motive ihres Handelns nachvollziehbar gemacht, sondern Ken Liu erzählt zugleich mehr über die Gesellschaft und Kultur des Teiles von Dara, aus dem die Personen stammen.

Großen Wert legt der amerikanisch-chinesische Fantasy-Autor auch auf die Sprache. Der Stil ist sehr abwechslungsreich: blumig-poetische Abschnitte wechseln sich mit sachlich gehaltenen Abschnitten ab; die bildreiche Sprache lässt schnell Bilder im Kopf entstehen. Die Sprache trägt so entscheidend dazu bei, dass man gern den Auseinandersetzungen von Mata und Kuni folgt und gelegentliche Abschweifungen verzeiht. Bei allen Kämpfen, zu denen es im Ringen um die Kaiserkrone kommt, spielen übrigens die Schlachtbeschreibungen nur eine geringe Rolle. Die Schrecken des Krieges werden auch ohne die detaillierte Schilderung brutaler Auseinandersetzungen deutlich.

„Seidenkrieger“ endet mit einem klaren Schluss und kann damit für sich stehen, dennoch beginnt mit dem Fantasy-Buch die Reihe „Die Schwerter von Dara“ erst. Die Fortsetzung erscheint Anfang Oktober im Original. Für die deutsche Fassung „The Wall of Storms“ heißt dies, dass sie frühestens 2017 herauskommen dürfte. Nach diesem gelungen und erfrischenden Auftakt möchte ist das allerdings sehr lang weg.

„Die Schwerter von Dara – Seidenkrieger“ von Ken Liu ist bei Knaur erschienen. Die gebundene Ausgabe geht über 736 Seiten und kostet 19,99 Euro, das E-Book 14,99 Euro. Die Übersetzung stammt von Katharina Naumann.

Die Königin der Flammen – Rabenschatten 3 von Anthony Ryan

Anthony Ryan: Die Königin der Flammen

Anthony Ryan: Die Königin der Flammen – Rabenschatten 3

Lyrna ist die Königin der Flammen – selbst lange gezeichnet durch Brandwunden, brennt in ihr das Feuer der Rache. Sie will nicht nur die Vereinigten Königslande zurückerobern, sondern den Krieg ins Volarianische Kaiserreich tragen, um die Bedrohung durch den Verbündeten und seine Geschöpfe endgültig zu besiegen. Vaelin al Sorna, auch Rabenschatten genannt, unterstützt sie in ihrem Kurs. Insgeheim fürchtet er jedoch, dass der Ehrgeiz der Königin sie dazu treiben wird, ihre Ziele noch höher zu schrauben. Und da er in der Schlacht vor Alltor seines Liedes beraubt wurde, muss sich Vaelin auf seinen Instinkt und seine erlernten Fähigkeiten verlassen sowie auf die Unterstützung seiner Freunde und Kampfgefährten.

„Die Königin der Flammen“ beendet Rabenschatten-Trilogie

Mit „Die Königin der Flammen“ bringt Anthony Ryan seine Rabenschatten-Trilogie zum Abschluss. Gab es zwischen Band 1, „Das Lied des Blutes“, und Band 2, „Der Herr des Turmes“, noch eine große Veränderung durch das Hinzufügen weiterer Erzählstimmen, so verläuft der Übergang zwischen Rabenschatten 2 und Rabenschatten 3 nahtlos. Die Handlung wird weiterhin aus der Sicht von Vaelin, Lyrna, Frentis und Reva geschildert – in den Einleitungen der insgesamt fünf Teile kommt erneut der Historiker Verniers zu Wort.

Da die Fünf nur einen Teil der Handlung über zusammenbleiben, bekommen Leser nicht nur einen bestimmten Blickwinkel in jedem Kapitel präsentiert, sondern sind auch in unterschiedlichen Gegenden unterwegs. Das bietet Anthony Ryan die Gelegenheit, in „Die Königin der Flammen“ Teile der Welt vorzustellen, die er in den vorangegangenen Bänden von Rabenschatten nur gestreift oder noch gar nicht gezeigt hatte. Unterwegs kommt es zu zahlreichen Kämpfen, Scharmützeln und Schlachten. Die Brutalität mit der beide Seiten vorgehen, erklärt sich aus den zuvor geschilderten Ereignissen oder den Umständen, etwa denen der Sklaven im Volarianischen Kaiserreich. Es geht also nicht um Action, um der Action willen.

Anthony Ryan schreibt neue Fantasy-Saga

Wenn es an „Die Königin der Flammen“ etwas zu kritisieren gibt, dann ist es das Ende. Das Böse über den eigenen Hochmut zu Fall zu bringen, ist nicht unbedingt originell. Doch mit der Schwierigkeit, zunächst einen schier unbesiegbaren bösen Gegner aufzubauen, der sich dann doch irgendwie besiegen lassen muss, haben fast alle Fantasy-Autoren zu kämpfen (und zeigte sich bereits bei Tolkien). Insgesamt zählt die Rabenschatten-Trilogie zu den herausragenden Fantasy-Werken der vergangenen Jahre. Und sie zeigt, dass High-Fantasy sich weiterentwickeln kann. Sie kann düstere Töne haben, glaubwürdige Figuren mitbringen und dennoch einen klaren Gut-Böse-Gegensatz haben.

Anthony Ryan arbeitet bereits an einer neuen Fantasy-Saga. Sie trägt den Titel „The Draconis Memoria“, der erste Band heißt im Original „The Waking Fire“. Die Drakes, die Drachen ähneln, dürften deutsche Leser ansprechen, doch die Steampunk-Elemente könnten auch einen Erfolg erschweren. Ob und wann es eine deutsche Übersetzung geben wird, ist noch nicht bekannt. Da das Original noch nicht lange auf dem Markt ist, ist nicht vor 2017 mit einer deutschen Fassung zu rechnen.

„Die Königin der Flammen“ von Anthony Ryan ist in der Hobbitpresse von Klett-Cotta erschienen. Rabenschatten 3 geht in der gebundenen Ausgabe über 879 Seiten und kostet 24,95 Euro, das E-Book 19,99 Euro. Die Übersetzung stammt von Sara Riffel und Birgit Maria Pfaffinger.

Markus Heitz: Wedora – Staub und Blut

Markus Heitz: Wedora - Staub und Blut

Markus Heitz: Wedora – Staub und Blut

Die Begriffe Staub und Blut passen gut zu Wedora. Denn in einer Wüstenstadt haben die Bewohner täglich mit Staub zu kämpfen. Und da die ursprünglichen Siedler den Grund und Boden der Millionenmetropole einst den Wüstenstämmen abpressten, und es auch innerhalb der Stadt immer wieder zu Machtkämpfen kommt, geht es in Wedora oft blutig zu. Das müssen auch die Gesetzeshüterin Tomeija und der Räuber Liothan erfahren. Sie verschlägt es nach der Begegnung mit einem aus Wedora stammenden Magier durch einen fehlgeleiteten Zauber in die weit entfernte Wüstenstadt. Zu ihrem Entsetzen hat noch niemand dort von ihrer Heimat Walfor gehört, doch noch während sie an ihrer Rückkehr arbeiten, werden sie in die Auseinandersetzungen in Wedora verwickelt. Und zu allem Überfluss steht auch noch ein Großsturm, der Kara Buran, bevor, der jedes Mal seine Opfer fordert.

Wedora basiert auf einem Rollenspiel

Laut Markus Heitz entwickelte sich die Geschichte von „Wedora – Staub und Blut“ aus einem Rollenspiel, das er zusammen mit Freunden vor gut 20 Jahren entwarf. Und das Szenario einer Wüstenstadt wie Wedora ist sehr reizvoll, zumal Markus Heitz zwar die Stadt in den Mittelpunkt stellt, jedoch 15 weitere Länder ringsum die Wüste gruppiert. Das eröffnet Möglichkeiten wie politische Ränke, Kriege oder auch nur Handelsbeziehungen in die Handlung einzubauen. In „Staub und Blut“ konzentriert sich Heitz aber erst einmal auf Wedora und die umliegende Wüste. Die Nachbarländer werden mehr über kleine Auszüge aus Schriften am Ende eines Kapitels oder durch einzelne Vertreter, auf die Liothan und Tomeija in Wedora treffen, vorgestellt. Von Wedora selbst bekommen die Leser aber auch noch längst nicht alle Bezirke und Gouverneure nahegebracht.

Das neue Fantasy-Projekt von Markus Heitz ist aber auch reizvoll, weil es die ausgetretenen, klassischen Pfade verlässt – Zwerge, Albae und andere Vertreter der Völkerromane sucht man vergeblich. Von wenigen (überflüssigen) Ausnahmen abgesehen, geht es nicht um phantastische Kreaturen, sondern um menschliche Figuren. Tomeija und Liothan spielen die Hauptrolle, doch einige Abschnitte werden auch aus der Sicht anderer Figuren geschildert. Richtig nahe kommt man ihnen nicht, weil sie – wie so oft bei Heitz – Lesern gegenüber immer etwas zurückhalten, um an späterer Stelle damit überraschen zu können und weil sie zumeist oberflächlich bleiben. Die Konstellation der beiden Jugendfreunde Tomeija und Liothan, die sich beruflich zu Gegnern entwickeln, um dann wieder zusammenarbeiten zu müssen, funktioniert dennoch über weite Strecken. Auch Ettras entwickelt sich im Laufe der Handlung von „Wedora – Staub und Blut“ vielversprechend. Die Stärke des Buches bleibt aber die Action mit Duellen, größeren Kämpfen und Einbrüchen.

Markus Heitz plant Fortsetzungen

Die Geschichte hat ein paar plötzliche Wendungen zu viel und am Ende auch zu viele Beteiligte. Und die Geschehnisse in der Baronie Walfor, aus der Tomeija und Liothan stammen, nehmen zu viel Raum ein. So ist vor allem das Ende überladen, eröffnet zugleich aber viel Raum für Fortsetzungen. Denn noch so einige Stadtbezirke von Wedora warten darauf, erkundet zu werden, und das Rätsel um den Herrscher der Metropole in seinem Turm bleibt vorläufig ebenfalls ungelöst.

„Wedora – Staub und Blut“ von Markus Heitz ist bei Knaur erschienen. Die Klappenbroschur-Ausgabe geht über 608 Seiten und kostet 16,99 Euro, das E-Book 14,99 Euro.

Ju Honisch gewährt Einblicke – der etwas andere Werkstattbericht

Ju Honisch bekam gleich für ihren Debütroman „Das Obsidianherz“ 2009 den Deutschen Phantastik Preis. Mittlerweile hat sie sechs Romane und verschiedene Kurzgeschichten veröffentlicht. Ihr Roman „Seelenspalter“ wird Anfang März 2017 bei Knaur erscheinen. Neuigkeiten über die Bücher der in Hessen lebenden Autorin, geplante Projekte und Lesungen gibt es in den sozialen Netzwerken sowie dem Blog von Ju Honisch.

1. Was ist Ihre Lieblingszeit zum Schreiben?

Ich würde am liebsten vormittags und nachmittags schreiben. Leider gibt es da ein „Life intervenes“-Phänomen, ich habe einen Brotjob, da ich – wie die meisten meiner schreibenden Kolleginnen – nicht vom Schreiben allein leben kann. Die Frage ist also nicht so sehr, wann ich gerne schreibe, sondern wann ich überhaupt Zeit zum Schreiben finde. Im Moment gestaltet sich mein Tag so: sehr früh aufstehen, 40 Minuten am Manuskript arbeiten, zur Arbeit fahren, einen langen Tag lang Sitzungen planen und Fachübersetzungen machen, Einkaufen fahren oder zur Physiotherapie oder Sport oder was sonst noch so ist, Abendbrot machen, mit Gatten reden, zurück zum Manuskript bis 23:30 Uhr. Dann tot umfallen.

Ju Honisch Foto: Andrea Diener

2. Welches ist Ihr Lieblingsgetränk während des Schreibens?

Manchmal habe  ich eine Tasse Tee da stehen. Meistens aber nur Mineralwasser. Das mit Sprudel, nicht das tote.

3. Auf welcher Sitzgelegenheit sitzend schreiben Sie am liebsten?

Schreibtischstuhl. Ein eher kleiner Schreibtischstuhl, denn die derzeit modernen Pseudo-Chefsessel aus Pseudo-Leder für Pseudo-Macher finde ich albern. Außerdem passen sie nicht in mein sehr winziges Kämmerlein. Mein Schreibtischstuhl ist jetzt zwei Wochen alt. Wir haben uns schon so richtig angefreundet.

4. Worin besteht die größte Versuchung, um während der Arbeit abgelenkt zu werden?

Essen. Leider gibt es da eine unheimlich Verbindung zwischen dem Kreativitätszentrum und dem inneren Schweinehund. Wenn mir gerade wenig einfällt, suggeriert der verräterische Schweinehund mir, es wäre dringend Zeit, eine Essenspause zu machen, danach würde dann alles besser. Ich wünschte, die physischen Trigger wären anders. Zum Beispiel fände ich es gut, wenn der innere Schweinehund mir bei einer Kreativitätspause nahelegen würde, einmal um den Block zu laufen oder mich 15 Minuten auf das Trainingsrad zu setzen. Das wäre vernünftig. Aber wer kann schon „vernünftig“? Ich nicht so.

5. Wie viele Wörter schreiben Sie am Tag?

Mal mehr, mal weniger. Da bei mir ja nur morgens, abends und am Wochenende Zeit ist, bin ich da durchaus unterschiedlich kreativ. Besonders gerne schreibe ich übrigens in Zügen. Wenn man da eingepfercht sitzt, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als zu schreiben. Im Moment schreibe ich gerade zu wenig. Das muss sich ändern.

6. Drucken Sie Texte noch zum Korrekturlesen aus?

Ich nehme es mir vor, aber meistens mache ich es nicht mehr. Früher immer. Dafür lese ich fertige Manuskripte beim nochmal Durchschauen laut, denn dabei fällt einem Einiges auf: fehlende Worte, Dopplungen, umständliche Formulierungen.

7. Wer darf eine neue Geschichte zuerst lesen?

Mein Freundin Jela, die die beste Beta-Leserin aller Zeiten ist. Was sie über Orthographie und Grammatik nicht weiß, das gibt es nicht. Und sie hat ein sehr gutes Gefühl für Abläufe. Ein Hoch auf Jela! Auch gerne zwei oder drei! Manchmal denke ich, es wäre schön, vielleicht noch eine zweite Betaleserin zu haben oder einen Betaleser. Aber wem will man schon eine so undankbare Arbeit aufdrücken?

8. Welchen Platz bekommen die eigenen Bücher zu Hause?

Platz? Was war das noch? Ein Beleg ist immer im Regal, obgleich Regalplatz in meinem Arbeitszimmer eher knapp ist. Daraus resultieren auch die Pappkartons, in denen manche meiner Bücher leben, wie Clochards an der Seine.

9. Kann man als professioneller Schreiber noch mit Vergnügen das Werk anderer Autoren lesen?

Natürlich! Ich liebe es, herauszufinden, was andere Autoren so schreiben. Ich habe Lieblingsautoren, von denen ich sehr viel lese. Ich versuche, nach und nach alle deutschen Autoren– buchtechnisch – wenigstens einmal in der Hand gehabt zu haben, um eine Idee zu bekommen, was sie so machen.

10. Welchen magischen Trick würden Sie gern selbst beherrschen?

Kreativität einschalten mit einer Handbewegung – das wäre schön. Noch nötiger wäre der Trick mit dem planvollen Vorgehen. Ich hätte gerne die magische Fähigkeit, alle Ideen zu einem Buch kurz nacheinander zu haben und in eine sinnvolle, dezidierte Planung einzubringen. Leider kommen mir die besten Ideen beim Schreiben selbst, und manchmal werfen die meine grobe Planung komplett durcheinander. Sehr schön wäre auch, einmal so richtig zu Geld zu kommen, damit ich den Brotjob an den Nagel hängen und mich nur noch dem Schreiben widmen könnte. Auch dafür hat die Magie bislang nicht gereicht.

11. Wie viel Internet darf es am Tag sein?

Es sollte viel weniger sein … (Ich blicke gerade mal verschämt zur Seite und widme mich der nächsten Frage.)

12. Brauchen Autoren Haustiere?

Wir haben keine Haustiere. Das einzige Tier, das wir gerne hätten, wäre eine Katze. Aber alle unsere Freunde sind allergisch. Deshalb keine Katze. Mein Mann wird Bär genannt. Wir haben noch mehr Bären. Es sind aber eher Regalbären mit sehr sedentären Eigenschaften. Das, was sie am besten können, ist Staub auf sich zu sammeln. Wir sind uns jedoch sicher, dass sie es sind, die nachts heimlich alles unordentlich machen. Manchmal, wenn sie des Morgens wieder harmlos auf ihren Regalen sitzen, sieht man beinahe ihr spöttisches Grinsen.

Weitere Teile der Serie „Einblicke“:

Marc Turner: Schattenreiter – eine Rezension

Marc Turner: Schattenreiter

Marc Turner: Schattenreiter

Marc Turner beginnt „Schattenreiter“ aus der Perspektive von Luker zu erzählen: Als der abtrünnige Bewahrer nach Jahren des Exils zu seinem Orden zurückkehrt, ahnt er nicht, dass er schon bald in einen großen Konflikt hineingeraten wird. Luker soll sich auf Geheiß des Imperators auf die Suche nach dem Magier Mayot machen, der das mächtige Buch der Verlorenen Seelen gestohlen hat, mit dem sich Tote wiederbeleben und Seelen binden lassen. Luker selbst ist mehr an dem Schicksal seines Meisters Kanon interessiert, doch er muss feststellen, dass nicht nur seine Reisegruppe nach dem magischen Buch sucht. Shroud, der Gott des Todes, entsendet verschiedene seiner Jünger, die Todesmagierin Parolla ist mit von der Partie und Mayot ist auch nicht untätig, zumal er Hilfe der Göttin Spinne bekommt. Das Land Galitia droht dabei, in dem Konflikt zerrieben zu werden. Die Hoffnungen ruhen ausgerechnet auf Prinz Ebon, der als Stimmenhörer von vielen seiner Untertanen als geisteskrank abgestempelt wird.

Marc Turner mit Vorbild Steven Erikson

Parallelen zu Steven Erikson drängen sich bei „Schattenreiter“ förmlich auf – sie sind nicht zufällig, nennt Marc Turner doch Erikson als eines seiner Vorbilder auf seiner Homepage. So gibt es zum einen das Spiel der Götter, die zumeist im Hintergrund bleiben und ihre Jünger, Priester und Kämpfer wie Spielfiguren einsetzen und auch manchmal opfern. Dann spielen eigentlich vergangene Völker und ihre Konflikte eine wichtige Rolle sowie magische Gegenstände. Und schließlich schickt sich ein Imperium an, nicht nur gegen andere Länder zu kämpfen, sondern sich auch in die Auseinandersetzungen der Götter einzumischen – vielleicht geht es Imperator Avallon Delamar selbst um den Status eines Gottes, denn diesen kann man in „Schattenreiter“ erlangen.

Die Klasse seines Vorbilds Steven Erikson erreicht der in England lebende Marc Turner jedoch nicht. Zum einen sollte man bei einem Debüt die Messlatte auch nicht zu hoch legen, zum anderen zählt Steven Erikson einfach zu den meisterhaften Fantasy-Autoren, die es nicht nur verstehen, eine komplexe Handlung zu entwerfen und im Griff zu behalten, sondern zudem Figuren erschaffen, deren Schicksal Lesern nicht egal ist und die zutiefst menschlich sind. Wie gut Marc Turner mit einer komplexen Handlung umgehen kann, lässt sich nach der Lektüre von „Schattenreiter“ noch nicht bewerten. Bei den Figuren zeigen sich Defizite: Luker ist zu cool, um sympathisch zu sein, und Ebon zu gut geraten. Die beiden Frauenfiguren sind besser entworfen – Parolla, da sie innerlich zerrissen ist und entsprechend handelt und Romany, weil sie sich bei allen Intrigen ihr Mitgefühl bewahrt und für ein paar komische Momente sorgt. Doch auch wenn Erikson den Vergleich gewinnt, heißt es nicht, dass „Schattenreiter“ nicht gelungen wäre – dem guten Fantasy-Buch fehlt einfach nur die Extraklasse.

„Schattenreiter“ Auftakt einer Chronik

Die Geschichte von „Schattenreiter“ ist in sich abgeschlossen. Dennoch ist das Buch Teil einer Reihe von Marc Turner mit dem Originaltitel „The Chronicles of the Exile“. Der zweite Band spielt jedoch an einem komplett anderen Ort und stellt andere Figuren in den Mittelpunkt. Es gibt jedoch überspannende Gemeinsamkeiten, etwa die Einmischung der Spinne und die Verwicklung des Imperiums. Und im für den Herbst im Original angekündigten dritten Band werden die Handlungsstränge aus den ersten beiden Bänden zusammengeführt, sodass nur zu hoffen bleibt, dass die Übersetzung auch soweit kommt und die deutschsprachigen Leser das Schicksal von Erin Elal und seinen Nachbarn weiterverfolgen können.

„Schattenreiter“ von Marc Turner ist bei Heyne erschienen. Die Taschenbuchausgabe geht über 784 Seiten und kostet 15,99 Euro, das E-Book 12,99 Euro. Die Übersetzung stammt von Kirsten Borchardt.

Jeff Salyards: Tanz der Klingen – eine Rezension

Jeff Salyards: Tanz der Klingen

Jeff Salyards: Tanz der Klingen

Die Geschichte von „Tanz der Klingen“ ist schnell erzählt, ist der Stoff doch wenig originell: Eine Söldnerkompanie ist auf einer Mission in Feindesland. Um was es geht, erfährt das jüngste Mitglied der Truppe aber nur scheibchenweise. Denn dem Chronisten Arki, angeheuert, um die Geschehnisse aufzuschreiben, trauen Captain Braylar Killcoin und seine Männer nicht. Er muss den Syldoonern seinen Wert zunächst beweisen.

Söldnergeschichte „Tanz der Klingen“

Jeff Salyards begibt sich mit „Tanz der Klingen“ (Scourge of the Betrayer) in die Klischeefalle und – so viel sei vorab verraten – findet nur selten heraus. Das fängt beim Namen des Kommandanten der Söldner an. „Killcoin“ tötet als Söldner für Geld. Dass er dennoch manche Loyalitäten kennt, soll aber nicht verschwiegen werden. Der Umgangston in der Truppe ist militärisch rau, natürlich stehen die Männer jedoch bei allen Streitereien im entscheidenden Augenblick zusammen. Mit Arki gibt es einen Chronisten, was auch nicht neu ist. Eine solche Figur bringt den Blick von außen mit, lernt mit den Lesern die Söldner kennen.

Richtig nahe kommt er aber nicht einem von ihnen. Lediglich zu Lloi baut er eine engere Beziehung auf, doch sie ist selbst Außenseiterin und wird von der Truppe nur geduldet. Die Distanz, die Arki zu den anderen hat, führt dazu, dass diese blass bleiben und man auch als Leser nicht in der Lage ist, sich in sie hineinzuversetzen oder gar mit ihnen zu identifizieren. Die Mehrzahl wirkt unsympathisch, auch Braylar, über den man zwar immer mehr erfährt, der jedoch durch seine Handlungen jeden Anflug von Sympathie rasch vertreibt. Doch auch der Chronist Arki, der als Ich-Erzähler durch die Handlung von „Tanz der Klingen“ führt, ist nicht die Identifikationsfigur, die es gebraucht hätte. So arglos und naiv wie er an seine Aufgabe herangeht, wirkt er nicht menschlich, wie es wohl beabsichtigt ist, sondern schlicht langweilig und unglaubwürdig.

Jeff Salyards setzt die Geschichte fort

Eine spannende und überraschende Handlung hätte „Tanz der Klingen“ noch retten können. Doch leider erweist sie sich als eher zäh. Der Intrige, die zum Auftrag der syldoonischen Söldner gehört, fehlt es an Finesse, die Rahmengeschichte mit den Vorgängen im syldoonischen Reich zu vage. Die Kampfbeschreibungen sind zum Teil durchaus gelungen, und die Verluste der Söldner zeigen, dass sie auch nicht über übermenschliche Kräfte verfügen (von der Magie Braylars abgesehen). An große Vorbilder wie „Die Schwarze Schar“ von Glen Cook kommt „Tanz der Klingen“ aber bei weitem nicht heran.

Die Geschichte der Söldner ist noch nicht vollständig vom Chronisten festgehalten. Im Dezember geht die Reihe von Jeff Salyards weiter. „Die Klinge des Königs“ lautet der deutsche Titel von Band 2. In der Fortsetzung müssen die Söldner in ihre Heimat und dem neuen Kaiser die Treue schwören. Da sie zu seinem Vorgänger hielten, keine leichte Aufgabe.

„Tanz der Klingen“ von Jeff Salyards ist bei Heyne erschienen. Die Klappenbroschur-Ausgabe geht über 432 Seiten und kostet 14,99 Euro, das E-Book 11,99 Euro. Die Übersetzung stammt von Jürgen Langowski.