Interview: Jenny-Mai Nuyen über „Die Töchter von Ilian“

Interview Jenny-Mai Nuyen

Jenny-Mai Nuyen in Berlin vor dem Interview. Foto: Jörn Käsebier

Jenny-Mai Nuyen schreibt täglich seit sie 14 Jahre alt ist. Nach ihrem Durchbruch als Fantasy-Autorin wandte sie sich zunächst anderen Genres zu. Mit „Die Töchter von Ilian“ hat sie ein neues Fantasy-Buch vorgelegt. In Berlin las sie daraus. Zuvor jedoch stand sie zum Interview bereit. Schon am nächsten Tag ging es dann zurück nach Athen, wo die Autorin derzeit lebt.

Jenny-Mai Nuyen, was ist Ilian für eine Welt?

Jenny-Mai Nuyen: Ursprünglich war die Idee, historische Fantasy zu schreiben. Ilian ist angelehnt an die Kupferzeit in Nordeuropa. Es gibt außer Kupfer nur Gold und Silber, aber weder Bronze noch Eisen. Bei der genaueren Planung wurde mir klar, dass ich keine tatsächliche Vorzeitgeschichte schreiben möchte, sondern mich der Welt von Innen heraus nähern möchte. So ist sie phantastisch und magisch und auch ein wenig verträumt.

Zum Verträumten gehört auch, dass insbesondere die Elfen und Zwerge von einem vergangenen Ilian schwärmen. Ist das ein Statement gegen die Mentalität „früher war alles besser“?

Nuyen: Ja, es geht ganz genau darum. Ich nehme die Frage ernst und gehe ihr nach. Vielleicht war früher alles besser. Wahrscheinlich haben Menschen schon immer an einer von zwei Schnittstellen gelebt. Entweder war es früher besser oder es dominierte der Glaube an die Zukunft und den Fortschritt. Außerdem ging es mir um die Frage, ob eine Gesellschaft anders strukturiert sein kann, als wir es von den uns bekannten Hochkulturen gewohnt sind. Zum Beispiel ohne klare Hierarchien oder eine Hochkultur, in der Frauen dominieren. Doch wie bildet sich eine Hochkultur? In „Die Töchter von Ilian“ stehen die Zwerge an der Schwelle dazu.

Eigene Fantasy-Vorlieben

Warum der Rückgriff auf klassische Fantasy-Völker wie Elfen und Zwerge?

Nuyen: Dafür gibt es zwei Gründe. Der eine ist ästhetisch-romantisch. In mir steckt noch die 14-Jährige, die Fantasy-Geschichten mit Zwergen und Elfen toll findet. Der andere ist etwas nüchterner. Ich hatte ja vor, mich der prähistorischen Zeit von Innen zu nähern. Wie war es da wohl, als Menschen nicht mit anderen weit entfernt lebenden in engen Kontakt kamen? Was passierte, wenn Einwanderer in eine Jäger-und-Sammler-Gesellschaft plötzlich Ackerbau und Viehzucht brachten? Diese Einwanderer müssen den Einheimischen völlig fremd vorgekommen sein, so wie Elfen oder Zwerge. Von der klassischen Interpretation bin ich aber abgewichen. Denn die Völker können sich untereinander vermehren, sind fruchtbar.

Eine vielschichtige Figur ist Fayanú, ein Elf. Für welche Themen steht er?

Nuyen: Wenn ich mir Figuren ausdenke, geht es tatsächlich darum, dass sie für etwas Bestimmtes stehen. Doch mit der Zeit entwickeln sie ein Eigenleben, was sie auch müssen, damit sie nicht zu plastisch geraten. Bei Fayanú und Walgreta ging es mir bei ihrer Liebesgeschichte um das Thema Vertrauen. Walgreta fängt ganz idealistisch an und begegnet dann der Realität und ihren Schwierigkeiten. Sie wird daraufhin immer pragmatischer und verliert ihr Ziel aus den Augen. Fayanu dagegen ist zu Beginn ziemlich zerrüttet und nicht in der Lage an die Welt zu glauben. Doch weil er schon alles verloren hatte, klammert er sich besonders an diese Liebe. Mit diesem gegensätzlichen Paar, aus verschiedenen Völkern, die eine privilegiert aufgewachsen, der andere nicht, wollte ich zeigen, wie unterschiedlich sie versuchen, mit einer Beziehung, mit Vertrauen umzugehen. Fayanu klammert sich daran und entwickelt sich am Ende zu einem Idealisten.

Jenny-Mai Nuyen mag Genre-Grenzen nicht

Wenn es darum geht, dass es auch Hochkulturen geben könnte, in denen Frauen das Sagen haben. Warum spielen dann die Weisen Frauen keine größere Rolle?

Nuyen: In der Zeit, in der die Geschichte spielt, ist die Zeit der Weisen Frauen eigentlich schon vorbei. Die wenigen, die es noch gibt, haben sich zurückgezogen und leben weltabgewandt. Wenn sie wirklich mal regiert haben, dann hat das in eine Sackgasse geführt. So wie immer, wenn man versucht so zu regieren, dass es niemandem wehtut. Die wenigen, die dann doch einsteigen und mitmischen, werden dafür ziemlich gruselig.

Nijura - Das Erbe der Elfenkrone von Jenny-Mai Nuyen

Mit „Nijura – Das Erbe der Elfenkrone“ begann die Autoren-Karriere von Jenny-Mai Nuyen.

Ihr Debüt ist bereits 2006 erschienen. Wie haben Sie sich seitdem als Autorin entwickelt?

Nuyen: Ich hoffe, dass ich mich weiterentwickelt habe. Das lief bei mir gefühlt in Spiralbewegungen ab und fühlte sich auch manchmal so an, als würde ich mich im Kreis drehen. Meine ersten Fantasy-Romane habe ich mit viel Leidenschaft geschrieben. Doch als sie vermarktet wurden, gut liefen und der Verlag es am liebsten gehabt hätte, es ginge so weiter, habe ich die Lust verloren. Ich wurde zu einer Art Produktionsmaschine. Deswegen habe ich eine Zeitlang nur Sachen geschrieben, die völlig anders waren. Zum Glück ist davon nur die Spitze des Eisbergs veröffentlicht worden. Aber es war nie meine Absicht nur Fantasy zu schreiben. Ich wollte immer die Freiheit haben, eine Geschichte so zu erzählen, wie es mir gefiel.

Und warum dann doch die Rückkehr ins Fantasy-Genre?

Nuyen: Zunächst einmal mag ich Genre-Grenzen nicht, sondern liebe Geschichte, die diese überschreiten. Aber Fantasy hat einen Vorteil, den ich absolut wertschätze: Man kann eine Metapher oder ein Spiegelbild bauen, um die Wirklichkeit zu reflektieren. Wenn eine Geschichte hingegen in der Wirklichkeit spielt, wird sie schnell konkret. In der Fantasy kann es dagegen auch mal wage bleiben, was mir ästhetisch gut gefällt.

Fortsetzung möglich

Gibt es bereits ein neues Buchprojekt, vielleicht sogar eine Rückkehr nach Ilian?

Nuyen: Ich würde sehr gern nach Ilian zurückkehren, aber nicht über die Figuren schreiben, die überlebt haben, sondern über die nächste Generation. Ich mag es, wenn dabei bekannte Figuren wieder auftauchen, aber in einem ganz anderen Alltag. Außerdem hätte ich nach dieser etwas traurigen Geschichte Lust, das Gegenteil zu schreiben. Ob das möglich ist, weiß ich aber noch nicht. Das hängt auch vom Erfolg des ersten Buches ab.

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