Leigh Bardugo: Das Lied der Krähen – eine Rezension

Leigh Bardugo: Das Lied der Krähen

Leigh Bardugo: Das Lied der Krähen

„Das Lied der Krähen“ von Leigh Bardugo handelt von einer Diebesbande, die den Coup ihres Lebens ausführen soll. Sie sollen einen Gefangenen aus der sichersten Festung der Welt befreien und lebend in die Hafenstadt Ketterdam bringen. Und als wäre das nicht genug Gefahr, sind die Krähen mit diesem Auftrag nicht allein.

Das Lied der Krähen – Die Protagonisten

Das Buch sticht vor allem durch die Zusammensetzung der Gruppe hervor. Wohl selten zuvor war ein Trupp von Helden so vielfältig in seiner Herkunft (na gut, schon „Der Herr der Ringe“ schaffte das), seiner Geschlechterverteilung (okay, nur zwei Frauen und vier Männer) und seiner sexuellen Orientierung (andere Beispiele bitte in den Kommentaren). Doch Ironie beiseite: Die Vielfalt wirkt hier nicht konstruiert, sondern zeigt die bunte Welt rund um „Die Wahre See“. Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Figuren thematisiert Leigh Bardugo als sinnvollen Teil der Handlung. Und jeder der sechs bringt besondere Fähigkeiten mit:

Kaz ist der Kopf der Bande. Er denkt mehrere Schritte voraus, kalkuliert die Stärken und Schwächen seiner Leute und die des Gegners ein. Zudem kennt er fast keine Skrupel. Inej ist sein gutes Gewissen, erinnert ihn an seine mitfühlende Seite. In der Gruppe ist sie die Spionin und Meuchelmörderin. Jesper kämpft am liebsten aus der Entfernung, sucht immer den Nervenkitzel. Matthias ist ein gescheiterter Elite-Kämpfer, der mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird und sein Weltbild infrage stellen muss. Und er ist der einzige der Bande, der bereits die Festung kennt, in die sie einbrechen wollen. Nina ist sein weiblicher Gegenpart. Die Grischa ist magisch begabt und hat, nicht als einzige, persönliches Interesse an dem Coup. Wylan gehört nur halb dazu, fügt sich aber mit der Zeit besser in die Gruppe ein.

Vorbilder für Leigh Bardugo

Formal ist an „Das Lied der Krähen“ ungewöhnlich: Es gibt fünf Erzählstimmen aus einer Gruppe. Fast jeder der Krähen kommt so den Lesern näher, indem er Einblicke in seine Gedankenwelt erlaubt. Da die Diebe zumeist zusammen sind hat diese Konstruktion den Vorteil, dass Situationen aus unterschiedlicher Sicht geschildert werden. Es gibt aber auch Nachteile: Ein Blick von außen auf die Gruppe fehlt, und ein Ortswechsel ist nur mit den Krähen möglich.

Die Geschichte ist dagegen eher gewöhnlich. Es handelt sich um eine klassische Heist-Handlung, wie man sie aus vielen Filmen kennt. Auch in der Fantasy-Literatur hat es Ähnliches schon oft gegeben, zuletzt etwa bei Empire of Storms. Bekanntestes Beispiel aus den zurückliegenden Jahren dürfte Locke Lamora mit den Gentlemen-Ganoven sein (derzeit heißt es warten auf Band 4).

Die Handlung bietet die Zutaten, die eine spannende Lektüre garantieren: spannende Kämpfe, Wortgefechte und plötzliche Wendungen (mal gelungen, mal weniger). Das Tempo, mit dem die Handlung vorangetrieben wird, ist hoch, ebenso die Ereignisdichte. Dank Rückblenden in die Vergangenheit der einzelnen Figuren gibt es aber auch ruhigere Passagen, in denen man die sechs Protagonisten besser kennenlernt.

Fortsetzung folgt

Die Welt, in der „Das Lied der Krähen“ spielt, hat Leigh Bardugo bereits in einer früheren Trilogie verwendet. Die Grischa-Trilogie (bei Carlsen erschienen) stellt die an das Russland der Zarenzeit angelehnte Welt näher vor. „Das Lied der Krähen“ spielt allerdings in einer anderen Zeit und in einer Welt, die technologisch weiterentwickelt ist. Schusswaffen, Kanonen und Panzer dürfen Fantasy-Leser hier nicht abschrecken.

Auch wenn der Coup zu einem Abschluss kommt, ist die Geschichte der Krähen noch nicht vorbei. Die Fortsetzung trägt im Original den Titel „Crooked Kingdom“ (Betrügerisches Königreich). Die Übersetzung dürfte 2018 bei Knaur erscheinen.

„Das Lied der Krähen“ von Leigh Bardugo ist beim Knaur Verlag erschienen. Die Klappenbroschur-Ausgabe geht über 592 Seiten und kostet 16,99 Euro. Die Übersetzung stammt von Michelle Gyo.

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5 Gedanken zu „Leigh Bardugo: Das Lied der Krähen – eine Rezension

  1. Ich stimme dir vollkommen zu. Die Handlung ist zwar nicht die aller spannenste vom Grundgerüst her, aber die Umsetzung macht das Buch meiner Meinung nach interessant.
    Ich habe das Buch genossen als kurzweilige Lektüre.
    Du hast ein wirklich tolle Rezension mit interessantem Aufbau.
    Liebe Grüße
    Svenja von Bücherfieber

  2. Ahoy ,

    in der englischsprachigen Bloggerszene ist das Buch ja schon extrem beliebt, jetzt erobert es also die deutschsprechende Community… Und ich gehöre definitiv auch zu den Fans, denn wow war dieses Buch ungewöhnlich, aufwühlend und fesselnd! Ich liebe diese düstere Stimmung, die abgefahrenen Charaktere, den unkonventionellen Aufbau…

    Ich lasse dann mal liebe Grüße und ganz frech auch meinen Link da, Mary ❤

  3. Pingback: Knaur 2018: Fantasy mit Heitz, Husberg und Bardugo | Der Fantasy Weblog

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