Jay Kristoff: Nevernight – Die Prüfung

Jay Kristoff: Nevernight - Die Prüfung

Jay Kristoff: Nevernight – Die Prüfung

Mia Corvere ist seit dem Tag, an dem sie ermordet werden sollte, eine Dunkellin. Das gibt ihr Macht über die Schatten und hat ihr eine Katze aus Schatten als Begleiter beschert. Was es noch bedeutet, weiß sie nicht, zumal in Iteya drei Sonnen am Himmel stehen und es fast nie Nacht ist (Nevernight). In der Roten Kirche, der Heimat des Assassinenordens, will sie mehr über ihre Besonderheiten herausbekommen. Und mit den dort gewonnenen Fähigkeiten nach Gottesgrab zurückkehren und Rache an den Feinden ihrer Familie zu nehmen. Zuvor aber muss sie die Prüfung zur Klinge bestehen.

Jay Kristoff hat für „Nevernight“ ein Setting gewählt, dass vor allem zwei Vorbilder kennt: das antike Rom und Venedig in seiner Blütezeit. So trägt Gottesgrab nicht umsonst den Namenszusatz „Die Stadt aus Brücken und Gebein“ – es handelt sich quasi um das Venedig Itreyas. Neben den Brücken zählen die Plätze und Palazzos, aber auch die Bedeutung der Kirche und des Karnevals, zu den realen Vorbildern.

Am antiken Rom angelehnt sind das politische System mit Konsuln, die Armee mit ihren Legionären sowie die Historie. Wie die Römer haben sich die Bewohner von Gottesgrab zunächst ihres Königs entledigt und eine Republik gegründet. Doch im Zuge ihres Machtzuwachses streben bedeutende Männer plötzlich wieder nach der Alleinherrschaft, die in Rom mit der Herrschaft Cäsars und der nachfolgenden Kaiser kam.

Nevernight: Altbekannte Motive

Ein solches Setting wird in der Fantasy eher selten gewählt, so etwa bei „Drakenfeld“ von Mark Charan Newton. Die Elemente der Handlung dürften hingegen vielen Lesern bekannt vorkommen. Da ist etwa die Rachegeschichte: Mia Corvere will die Männer töten, die ihren Vater haben hinrichten und ihre Mutter ins Gefängnis werfen lassen. Das Handwerkszeug will sie auf einer Akademie der Assassinen lernen. Eine solche Ausbildung ist von Natur aus gefährlich, zumal wenn sie wie eine Auslese angelegt ist (Wie die Rote Kirche, die gehorsame Auftragskiller ausbildet, zu Mias Racheplänen steht, wird nicht thematisiert). Außerdem eröffnet die Schule viele Möglichkeiten für die Schilderung der Beziehungen zwischen den Schülern und den Schülern und Lehrern. Wer diese Aspekte bei Harry Potter und Patrick Rothfuss geliebt hat, kommt auch hier auf seine Kosten.

Vieles auf dem Weg zur Prüfung von Mia Corvere ist also vorhersehbar. Dessen ist sich Jay Kristoff durchaus bewusst. Sein Buch richtet sich wohl auch an Leser, die mit Harry Potter groß geworden sind, und nun als Erwachsene ernst genommen werden wollen. So wird es in „Nevernight – Die Prüfung“ in den Auseinandersetzungen und Beziehungen durchaus mal körperlich und sexy.

Die Prüfung der Figuren

Der australische Fantasy-Autor Jay Kristoff. Foto: Christopher Tovo

Der australische Fantasy-Autor Jay Kristoff. Foto: Christopher Tovo

In anderen Punkten sticht das Buch aus der Masse an Fantasy-Büchern mit Assassinen heraus. Eine wichtige Rolle spielen dabei der Erzähler und die Schatten-Katze, die Mia begleitet (vielleicht sind sie auch eins). Sie sind für ironische bis zynische Kommentare zuständig und sollen die Heldenerzählung brechen. Das ist manchmal vergnüglich und manchmal nervig. Originell ist, dass Jay Kristoff auf Fußnoten für manche Kommentare und Erläuterungen setzt. Das erlaubt es, manche Fakten über Sitten und Gebräuche sowie Personen beiläufig einzuführen, reißt aber auch aus dem Lesefluss.

Wie so oft steht und fällt ein Buch aber mit seinen Figuren. Hier sind dem australischen Autor sicherlich nicht alle gelungen. Seine Hauptfigur aber überzeugt durchaus. Mia ist zwar nicht durchgehend ein Sympathieträger, doch das macht sie lediglich glaubwürdiger. Auch Tric und andere Mitschüler sind nicht nur oberflächlich gehalten. Bei den Gegenspielern Mias wünscht man sich aber etwas mehr Tiefe. Insgesamt ist es eine spannende, in vielen Passagen auch packende Geschichte, die viel Action enthält, aber auch ruhigere, reflektiertere Passagen.

Kristoff setzt Nevernight fort

Fischer Tor hat in seiner jungen Geschichte mit „Nevernight – Die Prüfung“ erstmals eine gebundene Ausgabe vorgelegt. Die Seitenränder sind ganz in der Farbe der Roten Kirche gehalten, was also schön auffällt. Leider hat man sich entschlossen, die Rückblicke auf Mias Kindheit kursiv zu drucken (oder dies zu übernehmen). Das hebt sich formal gut ab, ist aber bei längeren Passagen anstrengend zu lesen.

„Die Prüfung“ ist nur der erste Teil der Nevernight-Trilogie. Wann die Abenteuer von Mia der Dunkellin weitergehen, ist noch nicht bekannt. Im Original soll der zweite Band im September 2017 erscheinen. Er trägt den Titel „Godsgrave“ (Gottesgrab).

„Nevernight – Die Prüfung“ von Jay Kristoff ist bei Fischer Tor erschienen. Die gebundene Ausgabe geht über 704 Seiten und kostet 22,99 Euro. Die Übersetzung stammt von Kirsten Borchardt.

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13 Gedanken zu „Jay Kristoff: Nevernight – Die Prüfung

  1. Ich bin überrascht, dass es so gut ankommt. Selbst breche ich es nämlich jetzt ab (ca. Seite 150). Eines der ganz, ganz seltenen Bücher, bei denen ich schon nach zwanzig Seiten wusste, dass ich es nicht mag, aber tapfer durchhalten wollte, weil es so angepriesen wurde (wohlgemerkt, ehe es jemand gelesen hatte). Kann ich denn davon ausgehen, dass es so weitergeht oder steigert sich der Autor?

    • Kannst du sagen, was dir nicht gefallen hat? Du bist jedenfalls an einem Punkt, an dem viele Figuren in Gestalt der Lehrer und Mitschüler hinzukommen. Insofern ändert sich noch viel, der Stil aber nicht.

  2. Also ich bin bereits bei Seite 300 und finde es super. Ich mag die Kommentare unten und die Vergangenheitsrückblenden. Endlich mal Abwechslung und nicht immer dasselbe wie in so manch anderen Romanen und ich breche wirklich viele Romane ab.

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