Das neue Label Fischer Tor – Interview mit Hannes Riffel

Foto: © Milena Schlösser

Hannes Riffel, Programmleiter des neuen Labels Fischer Tor, das seinen Sitz in Berlin hat. Foto: Milena Schlösser

Im Herbst 2016 startet das erste Programm des neuen Labels Fischer Tor. Programmleiter Hannes Riffel im Interview über die Gründung des Imprints, die Highlights des ersten Programms und die weiteren Pläne mit Fischer Tor.

Herr Riffel, wie kam es dazu, dass Sie vom S. Fischer Verlag damit beauftragt wurden, Tor Books nach Deutschland zu holen?

Hannes Riffel: Da sind mehrere Sachen zusammengekommen. Zum einen trug man sich bei S. Fischer schon länger mit dem Gedanken, ein Science-Fiction- und Fantasy-Programm aufzubauen. Zum anderen gab es schon länger Gespräche, die Marke Tor, die ja auch eine Holtzbrinck-Tochter ist, internationaler aufzubauen, nach dem Vorbild von Tor UK. Tor in den USA und Großbritannien gehören zwar beide zum selben Konzern, agieren aber unabhängig voneinander. In Deutschland bekam S. Fischer den Zuschlag, und da ich bereits den Markt für phantastische Literatur im englischsprachigen Raum für den Verlag als freier Lektor beobachtet hatte, kam man auf mich zu und bot mir den Job an.

Welche Vorteile bietet die neue Marke Fischer Tor, gibt es etwa ein Vorzugsrecht auf Bücher, die bei Tor erschienen sind?

Riffel: Zunächst einmal verschafft es uns die Chance, eng mit den Kollegen in New York zu kommunizieren. Dort arbeiten rund 20 Lektoren, und ich habe mich vor allem bemüht, sie kennenzulernen und herauszufinden, welche Vorlieben sie im Genre haben. Die Rechte für Bücher liegen ja meist bei Agenturen und nicht beim Verlag. Unser Vorteil ist, dass wir früh mitbekommen, wenn ein tolles Manuskript vorliegt. Dann dürfen wir schon einmal gucken. Das heißt aber nicht, dass nicht auch andere Verlage das Buch später angeboten bekommen. Wir haben einfach einen Informationsvorsprung.

Wo haben Sie die Marktlücke für das Imprint in Deutschland gesehen?

Riffel: Ich glaube nicht, dass es eine Marktlücke gibt. Es gibt einen großen Markt und letztlich gibt es wie auf anderen großen Märkten einen Verdrängungswettbewerb. Neue Player kommen ins Spiel und versuchen, Dinge anders und besser zu machen. Ich gehe nicht davon aus, dass es plötzlich 100.000 neue Fantasy-Leser in Deutschland geben wird, die nur auf unser Programm gewartet haben. Dennoch würde ich sagen, dass der Markt genug Potenzial hat, um mit guten Titeln Erfolg zu haben. Dazu muss man aber die passenden Manuskripte finden, was nicht immer einfach ist.

Fischer Tor soll sich in erster Linie an erwachsene Leser richten. Was macht Sie so sicher, dass Sie sie erreichen können?

Riffel: Wir haben vom Vertrieb in Frankfurt eine klare Ansage bekommen: Fischer hat bereits Imprints für Jugendbücher, die auch phantastische Stoffe herausgeben. Und beim Jugendbuch läuft es klassisch so, dass dem Handel gesagt wird, dieses oder jenes Buch könne auch von Erwachsenen gelesen werden. Das ist das, was man All Age nennt. Wir gehen andersherum an die Sache ran; wir suchen Bücher für Erwachsene, die zum Teil auch von Jugendlichen gelesen werden können.

Wie groß ist das Team, das in Berlin arbeitet?

Riffel: Neben mir umfasst es sechs Leute: Mit Andy Hahnemann einen Lektoren in Vollzeit, der mit mir zusammen das Programm macht. Er bringt große Erfahrung mit, und kennt den Markt gut. Es war mir sehr wichtig, jemanden dabei zu haben, der mir auch sagt, Hannes, hör mal zu, es ist schön, dass du das Buch magst, doch leider wird es sich nicht verkaufen. Dann haben wir eine Lektorats-Volontärin an Bord sowie zwei Marketingspezialistinnen, mit denen es uns hoffentlich gelingt, die Leser und den Handel für unsere Bücher zu begeistern. Eine Verlagsassistentin hält den Laden zusammen, und eine Ansprechpartnerin ist für die Presse und Blogger da. Durchaus ein großes Team, was mich sehr freut, denn wie gesagt, der Markt hat nicht auf uns gewartet und wir können nur erfolgreich sein, wenn wir die richtigen Titel finden.

Foto: © Milena Schlösser

Das Fischer-Tor-Team: Hannes Riffel, Andy Hahnemann, Kathleen Jurke, Melanie Wylutzki, Sophie Strauß, Susanne Claudius und Susanne Malling. Foto: Milena Schlösser

Kommen wir zum ersten Programm. Welches sind Ihre persönlichen Highlights?

Riffel: Am Anfang, wenn man ein Programm aufbaut, hat man immer noch Bücher im Gepäck, bei denen man sich immer gewundert hat, warum kein anderer Verlag sie herausgebracht hat. Das war bei mir Guy Gavriel Kay, den ich für den derzeit besten Fantasy-Autor halte, der noch schreibt. Er ist ein großer Erzähler, der die Balance kann, zwischen dem großen Rahmen, in „Im Schatten des Himmels“ ein Reich der Mitte, und den Figuren. Die beiden Romane, die wir herausbringen, sind für mich die beiden besten in Kays langer Karriere. Ich freue mich aber auch über Klassiker wie „Freie Geister“ von Ursula Le Guin, deren Buch wir neu übersetzen durften. Auch Kai Meyer für uns zu gewinnen, ist für mich ein Highlight, zumal ich seit 20 Jahren mit ihm befreundet bin. Es ist toll, wenn man einen Roman entdecken kann wie den „Winterkaiser“ von Katherine Addison, weil der ein bisschen anti-zyklisch ist. Nicht Dark & Gritty, sondern mehr psychologisch und ein zutiefst optimistisches Buch. Das trifft auch auf „Der lange Weg zu einem zornigen Planeten“ von Becky Chambers zu, einer Space-Opera ähnlich wie „Firefly“ mit unheimlich tollen Figuren. Es sind herzerwärmende Bücher.

Wie passt ein Titel wie „Der Groll der Zwerge“ ins Programm, der nicht nur im Reihentitel „Die Völkerkriege“, an die Zeit der Völker-Romane in der deutschen Fantasy anknüpft?

Die Aufgabe eines neuen Programms ist es auch, alles abzudecken und zu zeigen, welche Spielarten es in der Phantastik gibt. Andy und ich haben überlegt, was wir in Richtung Völkerroman machen könnten, wollten aber nichts Typisches, sondern etwas, das eine Art Schlusspunkt setzt und mehr mit einem Augenzwinkern erzählt. Parallel gab uns Bernd Frenz seine Exposés. Wenn man sich dann die gesamte Trilogie ansieht, hat sie schon etwas Ironisches: „Der Groll der Zwerge“, „Die Macht der Elfen“, „Die Rache der Orks“. Wir treten damit an, dem Völkerroman endgültig den Garaus zu machen.

Fischer Tor möchte auch Autoren mit Potenzial herausbringen. Handelt es sich dabei mehr um deutsche oder auch fremdsprachige Schriftsteller?

Potenzial ist ein dehnbarer Begriff. Wir brauchen Autoren die schreiben können. Wir sind weder Schreibwerkstatt noch Schreibschule, sondern müssen Bücher verkaufen. Deutsche Autoren haben in manchen Fällen ein handwerkliches Defizit im Vergleich mit amerikanischen. Das erklärt sich zum einen aus der Quantität. Der amerikanische Markt ist viel, viel, viel größer. Zum anderen fehlen auch Creative-Writing-Kurse. Man bekommt ganze Trilogien geschickt und fragt zurück, ob der Autor denn schon mal eine Kurzgeschichte geschrieben habe. Denn eine Handlung über 2500 Seiten im Griff zu haben, muss man erst einmal lernen. Deutsche Autoren haben zudem den Hang zum Provinziellen. Das ändert sich gerade etwas. Doch dass wir unser halbes Programm aus deutschen Autoren bestreiten können, sehe ich im Augenblick nicht. Im ersten Programm haben wir drei etablierte deutsche Autoren dabei, im zweiten wird Bernd Perplies dazukommen, der von Egmont zu uns wechselt.

Sie sprachen bereits das zweite Programm an. Wie wird es 2017 weitergehen?

Über den Daumen gepeilt werden wir zwei Bücher pro Monat herausbringen. Es können aber auch mal drei oder nur eines sein. Unser zweites Programm wird wieder zwölf Titel umfassen und eine Mischung aus Science-Fiction und Fantasy mitbringen. Ein wenig mehr Fantasy als im ersten, doch das ist nicht geplant, sondern hängt davon ab, aus welchem Genre man die überzeugenderen Bücher findet.

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10 Gedanken zu „Das neue Label Fischer Tor – Interview mit Hannes Riffel

  1. Danke für das sehr informative Interview! Ich hatte beim Verlag auch angefragt, aber leider nur eine unhöfliche Absage bekommen. Nun bin ich aber schlauer 🙂 Nur hätten mich persönlich noch die Pläne rund um den Verlagsblog interessiert, da scheint ja einiges zu erwarten zus ein.

    • Die Pläne hätten mich auch noch interessiert, doch uferte das Interview so schon langsam aus.

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