Der Herr des Turmes von Anthony Ryan – Rezension von Rabenschatten 2

Anthony Ryan: Der Herr des Turmes

Anthony Ryan: Der Herr des Turmes

Vaelin Al Sorna, der berühmteste Schwertkämpfer der Königslande, wird zum Herren des Turms ernannt. In den Nordlanden ist er politisch kaltgestellt und damit keine Gefahr für König Marcellus. Zudem hofft Vaelin in Rabenschatten 2 anfangs noch, dass er sein Schwert nicht mehr ziehen muss. Doch diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Der Herr des Turms wird nicht viel Zeit in seinem Turm verbringen.

Vaelin ist der Herr des Turms

Welche Möglichkeiten hat ein Autor, wenn er einen großen Teil seiner Geschichte bereits erzählt hat, aber noch zwei weitere Bände füllen soll, weil nun einmal die Trilogie das dominierende Format in der Fantasy ist? Er muss die Geschichte erweitern, sei durch neue Figuren, Rückblicke auf die Vorgeschichte seiner Figuren oder neue Handlungsstränge. Anthony Ryan hatte in seinem ersten Rabenschatten-Roman allerdings bereits die Lebensgeschichte seiner Hauptfigur Vaelin, dem neuen Herrn des Turms, ausführlich geschildert, von der Kindheit bis zur Gefangennahme im Krieg. Die Grundlage für neue Handlungsstränge hatte er durch die Geschichte rund um das Lied des Blutes bereits gelegt – fehlen neue Figuren. Diesen Weg beschreitet Ryan auf zweierlei Weise: durch Einführung einer neuen Hauptfigur namens Reva und durch „Befördern“ bekannter Figuren, aus deren Sicht nun weite Teile des Buches erzählt werden, nämlich Lyrna und Frentis. Das ist ein gehöriger Bruch, den der schottische Fantasy-Autor seinen Lesern mit dem Wechsel von einer Erzählstimme zu vieren zumutet. Doch die gute Nachricht: Die Konstruktion funktioniert über weite Strecken gut.

Als eine Art Klammer hat Ryan die Figur des Historikers Verniers und die Einteilung des Buches in mehrere Teile behalten. Dieses Mal ist Verniers nicht auf der Seite der Sieger, sondern muss um sein Leben fürchten. Durch ihn erfährt man mehr über die Invasion der Königslande und die Pläne der Invasoren. Eine weitere gewohnte Perspektive in „Der Herr des Turms“ ist die von Vaelin.

Von der kühlen Lyrna hatten sicher viele Leser nicht erwartet, dass sie mehr als kühl, beherrscht und berechnend ist. Als hochintelligente Frau wird sie in den von Männern dominierten Königslanden beständig unterschätzt und macht sich dies zunutze. Ihr Wille und ihre Entschlossenheit kann man gut nachvollziehen und vielleicht sogar bewundern. Eine letzte Strenge bewahrt sie sich aber – gepaart mit der hohen Selbstkontrolle ist sie nicht unbedingt eine Figur, mit der man sich leicht identifiziert.

Rabenschatten-Trilogie endet mit einer Königin

Das fällt bei Reva leichter. Zum einen ist sie jünger und ziemlich impulsiv, zum anderen bedient die Beschreibung ihrer Kindheit mehr Klischees und profitiert Reva davon, dass sich Vaelin für sie stark macht. Die junge Frau hält zudem noch einige Überraschungen parat, die ihren Handlungsstrang interessant halten.

Bruder Frentis hingegen verspielt einige Sympathien. War er in „Das Lied des Blutes“ noch der Junge, um den sich Vaelin kümmert und den er fördert und beschützt, so wird er in „Der Herr des Turms“ zu einer Mordmaschine, die nur schrittweise ihre Menschlichkeit wiederfindet. An sich eine spannende Entwicklung, doch bleibt Frentis so distanziert, dass man auch mit ihm kaum mitleidet. Seine Geschichte ist zudem ein Beispiel dafür, wie wenig Anthony Ryan in seinen Rabenschatten-Büchern der Magie Grenzen setzt. Ob dies die größte Schwäche der RabenschattenTrilogie ist, wird Band 3 zeigen. Er trägt den Originaltitel „Queen of Fire“ („Die Königin der Flammen„) und dürfte 2016 in der deutschen Übersetzung erscheinen.

Bis dahin bleibt also Zeit, die ersten beiden Bände zu lesen. Hatte „Das Lied des Blutes“ in den letzten Abschnitten ein paar Schwächen, so ist dies in der Fortsetzung anders. Spätestens nach einem Drittel möchte man „Der Herr des Turms“ nicht mehr aus der Hand legen – wenn die Handlung sich verdichtet und die Geschichte immer packender wird.

„Der Herr des Turms“ von Anthony Ryan ist bei Klett-Cotta erschienen. Rabenschatten 2 geht in der gebundenen Ausgabe über 859 Seiten und kostet 24,95 Euro. Die Übersetzung stammt von Hannes Riffel und Birgit Maria Pfaffinger.

Advertisements

3 Gedanken zu „Der Herr des Turmes von Anthony Ryan – Rezension von Rabenschatten 2

  1. Pingback: Beste Fantasy-Bücher 2015 – Jahresrückblick und Ausblick | Der Fantasy Weblog

  2. Pingback: Hobbitpresse von Klett-Cotta im Herbst 2016 – mit Ryan, Sullivan und Illger | Der Fantasy Weblog

  3. Pingback: Die Königin der Flammen – Rabenschatten 3 von Anthony Ryan | Der Fantasy Weblog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s