Joe Abercrombie im Interview über Realismus in der Fantasy, die Bruchsee-Trilogie und neue Klingen-Romane

 

Fantasy-Autor Jo Abercrombie in Berlin. Foto: Jörn Käsebier

Fantasy-Autor Joe Abercrombie bei seinem Berlin-Besuch.         Fotos: Jörn Käsebier

Der britische Fantasy-Autor Joe Abercrombie gehört zu den erfolgreichsten Vertretern der Fantasy in Deutschland. Nach seinen Klingen-Romanan legte er mit „Königsschwur“ den ersten Band der neuen Bruchsee-Trilogie vor. Auf den Dragon Days in Stuttgart bekam er den Schwäbischen Lindwurm überreicht, besuchte einen Tag zuvor jedoch noch Berlin, wo er für Interviews zur Verfügung stand.

Glückwunsch zum Gewinn des Schwäbischen Lindwurms, Herr Abercrombie. In ihrer Begründung nennt die Jury Sie als einen der Fantasy-Autoren, die Realismus in die Fantasy gebracht haben. Wie viel Realismus verträgt das Genre, ohne dass es sich zu weit vom Ursprung entfernt?

Joe Abercrombie: Das ist eine schwierige und komplizierte Frage, die wohl jeder anders beantworten wird. Offensichtlich gibt es eine Grenze dafür, wie viel Realismus wir in fiktionalen Werken haben möchten. Für mich geht es aber weniger darum, möglichst realistisch zu sein, sondern vor allem aufrichtig und wahrhaftig. Viele Fantasy-Bücher, die ich als Kind gelesen habe, wirkten sehr formelhaft, die Figuren strahlend und heroisch. Die Zufälligkeiten, die im wahren Leben so wichtig sind, fehlten. Auch die klare Unterteilung in Gut und Böse, Weiß und Schwarz hatte nichts mit dem Leben zu tun. Wir sind alle grau, sind die Helden in unserer eigenen Geschichte, aber oft auch die Bösewichter in den Geschichten anderer Menschen. Ich wollte daher Fantasy-Bücher schreiben, die näher an meiner Sichtweise der Welt sind. Zu realistisch sollten sie aber auch nicht sein.

Inwiefern?

Fantasy hat immer auch etwas Cartoonneskes und Übertriebenes. Das macht die Freude am Genre aus. Am Ende soll eine fesselnde Geschichte herauskommen mit glaubhaften Figuren, die etwas über das Leben aussagen. Viele Fantasy-Autoren konzentrieren sich vor allem auf den Aufbau ihrer Welt und der Handlung, doch mir war es wichtig, die Figuren in den Mittelpunkt zu stellen.

Sie haben auch verschiedene geschichtliche Elemente einfließen lassen und Genres gemischt, wie etwa im Fantasy-Western „Blutklingen“ (Red Country). Welche Mischungen wären Ihrer Meinung nach noch möglich?

Das ist einer der Vorteile der Fantasy. Man kann fast jedes Genre in einer Fantasy-Welt spielen lassen, denke ich. Vieles habe ich bereits ausprobiert, und vieles weitere kann ich mir vorstellen. Was ich an Genres mag, ist, dass sie bei Lesern bestimmte Erwartungen wecken, mit denen ich als Autor spielen kann. Das hat bei Game of Thrones von George R.R. Martin hervorragend funktioniert, als ich die Bücher in den 90ern gelesen habe. Sie haben Erwartungen geweckt, nur um sie zu enttäuschen und zu überraschen.

Ihre neue Bruchsee-Trilogie richtet sich an Jugendliche. Was hatte das für Auswirkungen auf das Schreiben?

Arbeit auf der Reise: Joe Abercrombie signiert.

Arbeit auf der Reise: Joe Abercrombie signiert.

Zunächst einmal nicht so viele. Da es Jugendbücher werden sollten, musste es eine andere Fantasy-Welt werden als bei meinen bisherigen Büchern. In der Welt der Klingen-Romane zu bleiben und nur das Fluchen wegzulassen, hätte sich falsch angefühlt. So überlegte ich mir eine neue Kulisse und entwarf eine Geschichte, wie ich sie selbst gern als 14-Jähriger gelesen habe. Ich lese solche Geschichten aber auch als Erwachsener noch gerne, und es war mir wichtig, die Zielgruppe ernst zu nehmen und ihr nicht das Gefühl zu geben, sie bekommen etwas geboten, dem der Zahn gezogen wurde. Es sollte also durchaus herausfordernd, rau und ein wenig düster sein und wie meine anderen Bücher über lebendige Figuren verfügen. Der größte Unterschied besteht aber darin, dass die Bruchsee-Bücher kürzer und gebündelter sind und über weniger Handlungsstränge verfügen. Fantasy-Bücher mit der Länge eines Thrillers könnte man sagen. Ich wollte damit nicht nur Jugendliche ansprechen, sondern auch Leser, die sich sonst von den dicken Fantasy-Werken abschrecken lassen.

Yarvi, der jugendliche Held in „Königsschwur“, ist nicht Ihre erste Figur, die körperlich behindert ist. Was ist der Grund für diese Wahl?

In der Literatur gibt es viele Helden, die als gutaussehend oder gar schön beschrieben werden. Figuren, die verkrüppelt sind oder deren Seele vernarbt ist sind dagegen unterrepräsentiert. Das ist einer der Gründe, warum ich immer wieder solche Figuren entwerfe. Für mich ist es aber auch interessanter, wenn die Figuren es schwerer haben, Herausforderungen zu meistern. Ich mag es, meine Figuren zu brechen, um sie danach wiederaufzubauen.

Ein anderes wiederkehrendes Motiv in Ihrem Werk ist das Thema Rache …

Ich mag es, wenn die Figuren nicht nur hehre Absichten haben, sondern auch egoistische und niedere Motive haben. Dazu gehört definitiv Rache. Wenn die Figuren dann noch versuchen, der Rache etwas Positives abzugewinnen, gefällt mir die Konstellation am besten.

Der nächsten Figur mit Rachegefühlen im Herzen werden die deutschen Leser im August begegnen. Dorn (Thorn) heißt die Protagonistin von „Königsjäger“ (Half a World). Was können Sie uns über sie verraten?

Während Yarvi aufgrund seiner Behinderung in eine Rolle gedrängt wurde, die in der Gesellschaft, in der er lebt, sonst eher Frauen ausfüllen, ist es bei Dorn umgekehrt. Sie ist von dem Gedanken besessen, eine Kriegerin zu werden. Das Kriegshandwerk wird aber von Männern dominiert, weshalb man ihr einige Steine in den Weg legt. Sie muss aber lernen, dass Kämpfen doch nicht so toll ist, wie sie immer gedacht hat. Yarvi spielt aber auch noch eine Rolle, wenn auch nicht mehr eine so zentrale. Die Trilogie hat zwar eine übergeordnete Geschichte, doch jedes Buch hat auch eine eigene Geschichte.

Sie haben eine weitere Trilogie in der Welt der Klingen-Romane angekündigt. Wie gehen die Recherchen dafür voran?

Fragestunde mit Joe Abercrombie nach der Lesung im Wasserturm.

Fragestunde mit Joe Abercrombie nach der Lesung im Wasserturm.

Ich habe noch nicht wirklich damit begonnen. Derzeit arbeite ich noch an Kurzgeschichten, die in der Klingen-Welt spielen. Einige Geschichten dazu haben sich über die Jahre angesammelt, an weiteren schreibe ich, sodass hoffentlich nächstes Jahr eine Anthologie erscheinen kann. Danach werde ich mich an die Recherchen und das Entwerfen der Trilogie machen. Wahrscheinlich werden auch ein paar aus der ersten Trilogie bekannte, ältergewordene Figuren eine Rolle spielen. Im Mittelpunkt werden aber neue Figuren stehen. Man könnte sagen: die nächste Generation.

Warum?

Ich mag es nicht, Figuren, aus deren Sicht ich bereits eine Geschichte erzählt habe, noch einmal in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn sie also noch einmal vorkommen, bleiben sie mehr im Hintergrund und der Leser bekommt einen Blick von außen auf sie. So wiederhole ich mich nicht zu sehr.

„American Gods“ von Neil Gaiman wird als Fernsehserie umgesetzt. Das könnte der nächste Fantasy-Hit nach „Game of Thrones“ werden. Wie stehen die Chancen für eine Verfilmung Ihrer Werke?

Chancen bestehen, doch es ist immer ein langer Prozess. Als Autor hat man nur die Kontrolle über seine Bücher, aber wenn es um eine Verfilmung geht, mischen viele Leute mit. Also verkauft man die Rechte an jemanden, dem man vertraut und versucht danach besser nicht mehr daran zu denken. Allgemein stehen die Chancen für Fantasy-Stoffe gut, Terry Brooks „Shannara“ soll ja auch umgesetzt werden. Ich denke, dass wir in den kommenden Jahren einige Fantasy-Filme und -Serien zu sehen bekommen.

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4 Gedanken zu „Joe Abercrombie im Interview über Realismus in der Fantasy, die Bruchsee-Trilogie und neue Klingen-Romane

  1. Ich muss gestehen, ich hab noch keines seiner Bücher gelesen, aber er bringt im Interview ein paar wirklich gute Punkte, die ich an der heutigen Fantasy immer stärker beobachten kann (zum Beispiel echtere Charaktere, weniger Schwarz/weiß und so weiter). Auch das Thema Behiderung, Einschränkung wird meines Erachtens nach immer stärker umgesetzt (ich denke zum Beispiel an den Prota aus Codex Alera).

    Was das Thema Fantasy-Buch-Verflimungen angeht, möchte ich einfach nur NEIN schreien. Die meisten Filme können bei weitem nicht mit den Büchern mithalten und enttäuschen Fans eigentlich immer nur (His Dark Materials, Eragon, selbst GoT). Als Serie lässt sich so etwas noch leiter produzieren als als Film und auch Versoftungen sind eine gute Möglichkeit. Dennoch fände ich NEUEN Content in bekannten Welten oder Fantasy-Welten, rein für einen Film erschaffen, bei denen Online dann der ganze Hintergrund-Content nachgereicht wird, wesentlich interessanter als einfach nur eine schon bekannte Story auf Leinwand zu bannen. Die Story steht schließlich immer vor 🙂

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